Welt-Alzheimertag 2026: Lebensphasenorientierte Demenzpolitik und verlässliche Unterstützung vor Ort

„Demenz – (k)eine Frage des Alters“ lautet das Motto des diesjährigen Welt-Alzheimertages. Das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) nimmt dies zum Anlass, um für einen Perspektivwechsel zu werben: Menschen mit Demenz sollten nicht primär ausgehend von ihrem Alter, einer Diagnose oder einzelnen Leistungsansprüchen betrachtet werden. Entscheidend ist, in welcher Lebenssituation sie sich befinden, welche Ressourcen sie haben und welche Form von Information, Prävention, Begleitung, Teilhabe, Unterstützung oder Pflege sie in der jeweiligen Lebensphase benötigen. 

„Demenz betrifft Menschen in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen. Wer mit 55 Jahren erste Symptome bemerkt, steht vor anderen Fragen als ein hochaltriger Mensch mit fortgeschrittener Demenz. Ebenso verändern sich Bedürfnisse im Verlauf einer Erkrankung“, sagt Christian Heerdt, wissenschaftlicher Leiter des KDA. „Deshalb brauchen wir eine Demenzpolitik, die stärker vom Leben der Menschen und seinen unterschiedlichen Phasen ausgeht – und weniger von einzelnen Zuständigkeiten und Angeboten.“ 

Demenz als Kontinuum verstehen 

Eine solche Perspektive beginnt lange vor einem möglichen Pflegebedarf. Information, Gesundheitsförderung und Prävention spielen ebenso eine Rolle wie Früherkennung und eine rechtzeitige Diagnostik. Prävention darf dabei nicht allein als Primärprävention verstanden werden. Auch nach ersten kognitiven Veränderungen oder einer Diagnose bleibt sie relevant: Man kann einiges dafür tun, vorhandene Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten, gesundheitliche Risiken zu reduzieren, Krisen zu vermeiden, Selbstständigkeit zu unterstützen und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. 

Denn klar ist auch: Eine frühe Diagnose allein reicht nicht. Menschen und ihre Angehörigen brauchen Orientierung darüber, was die Diagnose für ihr weiteres Leben bedeutet, welche Möglichkeiten ihnen offenstehen, und an wen sie sich wenden können. 

„Früher erkennen muss auch heißen: Früher und verlässlich begleiten“, so Heerdt. „Zwischen Diagnose und Pflegebedürftigkeit liegen häufig viele Jahre. Gerade diese Zeit muss stärker in den Blick genommen werden.“ 

Dazu gehören neben medizinischer Behandlung und Pflege auch Fragen des Wohnens, der sozialen Einbindung, der Mobilität, der Alltagsgestaltung, der Beratung und Entlastung von Angehörigen sowie Möglichkeiten, weiterhin selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. 

Viel ist vorhanden – aber nicht überall gleichermaßen erreichbar 

Deutschland verfügt bereits über eine große Vielfalt an Beratungs-, Begleit- und Unterstützungsangeboten für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Dazu zählen spezialisierte Beratungsstellen, Alzheimer-Gesellschaften, niedrigschwellige Unterstützungsangebote, kommunale Strukturen, Pflegeberatung, Wohnberatung, Selbsthilfe und zahlreiche lokale Netzwerke, Initiativen sowie Fach- und Koordinierungsstellen. 

Diese Vielfalt ist eine Stärke. Zugleich unterscheiden sich Verfügbarkeit, Bekanntheit, Zugänglichkeit und Vernetzung der Angebote regional zum Teil erheblich. 

Aus Sicht des KDA sollte deshalb nicht allein die Frage gestellt werden, welche Angebote grundsätzlich existieren. Entscheidend ist, ob Menschen sie in ihrer konkreten Lebenssituation tatsächlich erreichen, und ob Übergänge zwischen unterschiedlichen Unterstützungsformen funktionieren. 

„Wie gut Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen begleitet werden, darf weder eine Frage des Alters noch des Wohnortes oder der Herkunft sein“, betont Heerdt. „Die Herausforderung besteht nicht darin, überall identische Angebote zu schaffen. Wir brauchen vielmehr verlässliche regionale Strukturen, die unterschiedliche Angebote zusammenführen und dafür sorgen, dass Menschen zur richtigen Zeit die für sie passende Unterstützung finden.“ 

Nationale Demenzstrategie stärker am Lebensverlauf ausrichten 

Mit der Weiterentwicklung der Nationalen Demenzstrategie bietet sich aus Sicht des KDA die Chance, diesen Ansatz konsequenter zu verfolgen. 

Das KDA hat sich bereits dafür ausgesprochen, Maßnahmen der Nationalen Demenzstrategie stärker miteinander zu verbinden und stärker auf ihre Umsetzung und Wirkung auszurichten. Eine lebensphasenorientierte Perspektive kann hierfür eine verbindende Logik schaffen: von Prävention und früher Information über Diagnostik und postdiagnostische Unterstützung bis hin zu Teilhabe, Begleitung, Pflege und Unterstützung bei zunehmendem Hilfebedarf. 

Dabei geht es nicht darum, für jede Phase ein neues Angebot zu schaffen. Vielmehr müssen vorhandene Strukturen besser zusammenspielen und Übergänge verlässlich gestaltet werden. 

Kommunen und Regionen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Dort entscheidet sich, ob Beratung erreichbar ist, ob Akteure voneinander wissen, ob Versorgungs- und Unterstützungsangebote aufeinander abgestimmt sind und ob Menschen auch jenseits formaler Leistungsansprüche Unterstützung finden. 

Forschung und Umsetzung zusammendenken 

Das KDA verbindet diese Perspektive in seiner Arbeit mit Forschung, Politikberatung und konkreten Umsetzungsprojekten. Aktuell wird beispielsweise mit dem Projekt DECIDE eine internationale Vergleichsstudie nationaler Demenzstrategien mit Fokus auf deren Wirksamkeit umgesetzt. 

Projekte und Strukturen wie etwa die Regionalbüros Alter, Pflege und Demenz in Nordrhein-Westfalen zeigen, wie wichtig die regionale Ebene für eine demenzfreundliche Unterstützungslandschaft ist. Durch Vernetzung, Qualifizierung, Information und Strukturentwicklung tragen sie dazu bei, dass aus einzelnen Angeboten eine regional anschlussfähige Unterstützungsstruktur entstehen kann. 

Auch umsetzungsbezogene Projekte des KDA wie LIFE („Lebensqualität durch integrative Forschung und
evidenzbasierte Entwicklung von Assessments für Menschen mit Demenz in der Langzeitpflege“)   
setzen dort an, wo Menschen ihren Alltag verbringen. Sie machen deutlich, dass gute Unterstützung für Menschen mit Demenz nicht allein im Gesundheits- und Pflegesystem entsteht. Wohnen, Quartier, soziale Beziehungen und gesellschaftliche Teilhabe sind ebenso Teil einer ganzheitlichen Perspektive.
 

Den Menschen zum Ausgangspunkt machen 

Für das KDA ergibt sich daraus eine zentrale Aufgabe für die kommenden Jahre: Forschung, politische Strategien und lokale Umsetzung müssen stärker miteinander verbunden werden. 

„Wir verfügen über viel Wissen und über zahlreiche gute Angebote“, sagt Heerdt. „Die entscheidende Frage ist jetzt, wie daraus für Menschen ein verlässlicher Weg entsteht. Nicht jede Lebensphase braucht dieselbe Unterstützung. Aber Menschen sollten darauf vertrauen können, dass sich Unterstützung ihren Lebenssituationen anpasst und nicht umgekehrt.“ 

Der Welt-Alzheimertag 2026 ist deshalb aus Sicht des KDA nicht nur Anlass, über Demenz unabhängig vom Lebensalter zu sprechen. Er ist auch Anlass, die Perspektive insgesamt zu erweitern:
Menschen mit Demenz sind nicht zuerst Patientinnen und Patienten oder pflegebedürftige Menschen. Sie sind Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen und genau daran müssen sich Angebote der Prävention, Beratung, Begleitung, Teilhabe, Unterstützung und Pflege für sie und ihre An– und Zugehörigen orientieren.  

Fachkontakt: Christian Heerdt, wissenschaftlicher Leiter des KDA, christian.heerdt@kda.de

Medienkontakt: Solveig Giesecke, Pressesprecherin des KDA, Tel. +49 30 / 2218298 – 58;
Mail solveig.giesecke@kda.de