Als Pflege-Guide ist man auch manchmal Trauerbegleiter

Betriebliche Pflege-Guides aus dem „Landesprogramm Vereinbarkeit Beruf & Pflege NRW“ trafen sich zu Workshops in Essen 

 Das „Landesprogramm Vereinbarkeit Beruf & Pflege NRW“ hatte eingeladen und rund 120 Pflege-Guides aus ganz Nordrhein-Westfalen (NRW) waren zum „Praxisdialog“ gekommen. Betriebliche Pflege-Guides oder auch Pflege-Lotsen sind erste Ansprechpartner in Unternehmen, Behörden und Organisationen, wenn Mitarbeitende zuhause eine private Pflegeverantwortung haben, die sie mit ihrem Job vereinbaren müssen. Beim Treffen im Haus der Technik in Essen ging es vor allem um den Austausch, um das Vernetzen – nach dem Motto: Gemeinsam ist man stärker. Aber es wurden auch vier Schwerpunktthemen gesetzt, zu denen es jeweils sehr lebendige Workshops an diesem Tag gab. 
 
Im Mittelpunkt des Praxisdialogs, den Adelheid von Spee, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Servicezentrum des Landesprogramms organisiert und durchgeführt hat, stand zunächst der gemeinsame Austausch. Als voller Erfolg stellten sich dabei Formate wie das „Speed Dating“ und die Interviewrunden heraus. So konnten sich Pflege-Guides aus den verschiedensten Betrieben, Behörden und Organisationen vernetzen. Die neuesten Pflege-Guides hatten ihre Qualifikation gerade erst seit einigen Tagen absolviert, andere blickten bereits auf viele Jahre Erfahrung zurück. So groß die Unterschiede etwa in der Größe der Arbeitgebenden, der Branchen oder der Jobanforderungen auch waren – die Fragen, die Herausforderungen und vor allem die hohe Bereitschaft, sich der manchmal sehr schwierigen Situation der Kolleginnen und Kollegen anzunehmen, waren doch bei allen sehr ähnlich.  
 
In manchen Unternehmen, so stelle sich heraus, wurde dieses Engagement ausdrücklich geschätzt und unterstützt, in anderen müssen die Pflege-Guides immer mal wieder den Wert einer Vereinbarkeitskultur und -struktur für die Mitarbeitenden und damit für die Abteilungen und die Arbeitgebenden insgesamt deutlich machen. „Bei uns läuft es super, seit der Chef selbst seine Frau pflegen musste“, formulierte eine Gleichstellungsbeauftragte, die auch Pflege-Guide in ihrem Unternehmen ist.   

Netzwerke bilden 
 
„Netzwerken als betrieblicher Pflege-Guide nach innen und außen“, so lautete auch der Titel eines der vier Workshops. Verena Lödding, Expertin für Personalpolitik und Organisationsstrukturen, richtete den Blick zunächst nach innen, ins Unternehmen.

Das Bild zeigt Frau Lödding mit Teilnehmenden am Kurs "Netzwerken als betrieblicher Pflege-Guide".
Verena Lödding (gelbes Shirt) bespricht mit Teilnehmerinnen am Kurs „Netzwerken als betrieblicher Pflege-Guide“ Strategien, das Thema Vereinbarkeit zu platzieren.

Wie im Unternehmen das Vereinbarkeitsthema sichtbar machen, wie für das Thema sensibilisieren?  Der Einstieg gelingt den meisten oft gut nach der 2,5-tägigen Qualifikation zum Pflege-Guide. Die Behörden- oder Firmenleitungen wünschen sich dann oftmals eine Vorstellung bei den Kolleginnen und Kollegen. 
Doch dann geht es ums Dranbleiben – und da helfen eine motivierte Firmenleitung, engagierte Kolleginnen und Kollegen, etwa Betriebsräte, Gesundheits-, Behinderten- oder Gleichstellungsbeauftragte. Und welche Gelegenheiten nutzen? Die Antworten reichten von:
 

  • Interne Veröffentlichungen wie Begrüßungsmappen, Newsletter, Firmenpodcasts, Intranet, Plakate in der Firma oder eigene Rundmails schreiben.  
  • Bei Veranstaltungen wie Betriebsversammlungen, Weihnachtsfeiern, Gesundheits- oder Familientagen und ähnlichem präsent sein.  
  • Manche Pflege-Guides organisieren Vortragsreihen und Pflege-Cafés, informieren in der Mittagspause oder nutzen Führungskräfte-Trainings gemeinsam mit der Personalabteilung, dem Gesundheitsmanagement.  

Tipps waren hier: „Erst einmal andocken an bestehende Möglichkeiten, neu erfinden ist etwas schwieriger.“ Vorgesetzte, Personaler, Betriebsräte immer mal wieder bei Gelegenheiten auf das Thema ansprechen. Geübt wurden hier der klassische „Elevator-Pitch“ und der Umgang mit kritischen Nachfragen. 

Beim Vernetzen mit externen Stellen geht es zunächst um die erste Kontaktaufnehme, bei der man sich als betrieblicher Pflege-Guide vorstellt. So kommt man auf Kontaktlisten, wird eingeladen zu Veranstaltungen, baut sich nach und nach ein Netz auf, das schließlich den betroffenen Kolleginnen und Kollegen zugutekommen kann. Hilfreich sind hier nicht nur die örtlichen Pflegedienste und Beratungsstellen wie die Regionalbüros Alter, Pflege und Demenz sowie die Pflegestützpunkte, sondern auch die örtlichen Krankenkassen, die Alzheimergesellschaft, der Sozialverband VdK – hilfreich nicht nur für Informationen und zum Weiterlotsen der pflegenden Kolleginnen und Kollegen, sondern auch, wenn es darum geht, Veranstaltungen zu organisieren und Experten anzufragen.  
 
Tipps waren hier: Den „betrieblichen Pflegekoffer“ auf der Website des Landesprogramms Beruf & Pflege NRW nutzen, der regelmäßig vom Servicezentrum des Landesprogramms aktualisiert wird und auch regionale Ansprechpartner auflistet. Zudem bietet die Website ein Forum, in dem man sich mit anderen Pflege-Guides austauschen kann.
Und: Auch Sanitätshäuser oder Apotheken ansprechen, sie stellen häufig unkompliziert und schnell Hilfsmittel wie Bandagen oder einen Rollstuhl zur Verfügung und kümmern sich um Anträge für Hilfsmittel.   
 

Pflege kann bedeuten, Verluste zu erleben

Das Bild zeigt den Workshop Verlusterleben und Trauer durch die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege mit Kursleiterin Dr. Anne Werner.
Kursleiterin Dr. Anne Werner beriet die Pflege-Guides zum Umgang mit Kolleginnen und Kollegen, die infolge einer privaten Pflegeverantwortung Verluste und Trauer erleben können.

In weiteren Workshops ging es um die „Selbstpflege“ als Pflege-Guide. Regine Ehrgott, Expertin für Betriebliches Gesundheitsmanagement am Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung der ⁠AOK Rheinland/Hamburg, ist spezialisiert auf Fragen der Selbstfürsorge, die gerade bei Menschen, die anderen Hilfe und Stabilität geben möchten, wichtig ist.
Zudem ging es in einem Workshop
um „lösungsorientierte Kommunikation“, die Adleheid von Spee vermittelte, und in einem anderen um den Umgang mit „Verlusterleben und Trauer durch die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege“, wenn Kolleginnen und Kollegen etwa infolge der Pflegeverantwortung vieles umstellen müssen, manchmal auf Pläne und Wünsche verzichten müssen oder sogar einen Angehörigen verlieren.
 
 
Kursleiterin Dr. Anne Werner, die sich auf Change-Prozesse und Trauerbegleitung spezialisiert hat, beantwortete zunächst eine Frage:

Was haben Verlust und Trauer mit Pflege-Guides zu tun?

Trauer, so erklärte sie, verbinden wir allgemein mit einem Todesfall. Doch sei Trauer vielfältig und stelle sich fast immer ein, wenn es einen Verlust zu verarbeiten gelte. Das könne der Verlust von Freiheit sein, wenn eine Pflegeaufgabe einschränke, der Verlust von beruflichen oder privaten Zielen, der Verlust von Zuversicht, dass sich bald wieder alles zum Besseren wandeln werde. „Trauer, die nicht zugelassen wird, kann zu Depressionen führen“, mahnte Dr. Werner.
 
 
Gerade im beruflichen Umfeld neigten die Menschen dazu, zu funktionieren. Als Symbol hatte Frau Werner das Bild eines Elefanten mitgebracht, der oft im Raum stehe. Wenn es dann im beruflichen Umfeld doch jemanden gebe, mit dem Betroffene vertraulich sprechen könnten und auch die Wirkungen der häuslichen Situation auf das berufliche Umfeld, die vielleicht vorhandenen finanziellen Ängste und die Überforderung beschreiben könnten, wäre das „Gold wert“. Tatsächlich helfe schon das mitfühlende Zuhören in einem „unabdingbar vertraulichen Rahmen“ enorm weiter.

Hilfreich wäre die Frage. „Wie geht es Dir gerade?“, um ein Gespräch zu eröffnen. Das „gerade“ vereinfache die Antwort. Dr. Werner stellte zudem ein Plakat vor, das die verschiedenen Aspekte der Trauer als Gefühlslandschaft darstellt, in der jeder einen Ort finden kann, an dem er sich gerade gefühlsmäßig befindet. Auch das eröffne Gesprächsmöglichkeiten.
 
 
Die Kursleiterin betonte jedoch auch: „Sie sind nicht die Therapeuten.“ Wenn die Kollegin, der Kollege es wünsche, könnten Hilfsangebote vermittelt und mit der Geschäftsführung/Abteilungsleitung über Vereinbarkeitsmöglichkeiten gesprochen werden. Dann wäre es gut, sich abzusprechen, wie viel Privates im Betrieb bekannt sein sollte, um angemessene Lösungen finden zu können – die auch nachjustiert werden müssten, wenn sich etwas ändert.  

Die Facetten der Trauer  

Die Kursteilnehmenden erfuhren auch, dass die Trauerphasen, von denen früher oft gesprochen wurde, überholt sind. Phasen wirkten wie abgeschlossene Einheiten, das treffe jedoch nicht zu. All die vielen Gefühle, die mit Trauer verbunden sind, die „Trauer-Facetten“, könnten zu jeder Zeit in unterschiedlicher Ausprägung wiederkommen. Gegen die Hilflosigkeit angesichts des enormen Organisationsaufwandes, den Pflegebedürftigkeit mit sich bringt, helfe eine gute Vernetzung. Je konkreter der Pflege-Guide den Betroffenen zu regionalen Angeboten, zu Rat, Tat und Hilfe vermitteln könne, umso besser. Bei Fragen zu bestimmten Situationen wurden etwa die Schuldnerberatung genannt, die Anonyme Alkoholiker oder Selbsthilfegruppen. Hier wies die Kursleiterin auch auf ein Hilfsangebot in einem besonderen Fall hin: Wenn es ein Suiziderlebnis in der Familie gebe, so könne man sich an die Hilfsorganisation AGUS wenden.  
 
Tipps waren hier: Gefühle dürfen gezeigt und zugelassen werden. „Trauer ist die Lösung, nicht das Problem“, zitierte die Kursleiterin die Trauer-Expertin und Buchautorin Chris Paul. Der Pflege-Guide könne nach einem „Gerüst“ fragen, etwa nach der Familie, Freunden, Nachbarn, die vielleicht unterstützen könnten – zusätzlich zu den Unterstützungsleistungen im Alltag, die pflegebedürftigen Menschen zustehen. Fragen, ob die Kollegin, der Kollege schon einmal ein Trauererlebnis verarbeitet habe, dann könne der Betreffende daran eventuell anknüpfen und so etwas Hoffnung schöpfen. Und: Pflege-Guides sollten sich selbst schützen und lieber nur eine „professionelle Nähe“ zulassen, riet Trauerbegleiterin Dr. Werner. Vielleicht gebe es einen Betriebsarzt oder sogar Psychologen, den man abgesehen von den externen Hilfsangeboten mit Einverständnis des Betreffenden hinzuziehen könne. 
 
Weiterführende Links zum Thema Trauer am Arbeitsplatz: 

Gefühlskarte „Trauerbewältigung“ 

Buch: Trauer am Arbeitsplatz  
 
Chris Paul, Buchautorin und Trauerexpertin 

Hilfsorganisation AGUS  
 
Materialien aus allen Kursen können beim Landesprogramm Vereinbarkeit Beruf & Pflege NRW angefragt werden: berufundpflege@kda.de   
 
Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Adelheid von Spee, Servicezentrum des Landesprogramms Vereinbarkeit Beruf & Pflege im Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA): berufundpflege@kda.de 
 
Großes Foto oben: Adelheid von Spee, Servicezentrum des Landesprogramms Vereinbarkeit Beruf & Pflege NRW, begrüßt die Teilnehmenden am Praxisdialog. Fotos vom „Praxisdialog“ 2026 der Pflege-Guides und Pflege-Lotsen von Alex Muchnik/Eventfotograf, Essen.