Zur aktuellen Diskussion um eine Einschränkung von Teilzeit-Möglichkeiten: Misstrauensklima sichert kein Fachpersonal und verhindert flexible Lösungen bei zunehmender Digitalisierung
„Teilzeit ist angesichts des Fachpersonalmangels und der Digitalisierung eine essenzielle Säule der Wirtschaft“, ist sich Dr. Alexia Zurkuhlen sicher. Die Vorständin des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA) wundert sich, dass ausgerechnet aus dem Mittelstand eine Einschränkung des Rechts auf Teilzeitarbeit gefordert wird. „Wir beobachten in unserer Arbeit, dass Unternehmen sehr daran interessiert sind, Fachpersonal zu halten und dazu unter anderem flexible Teilzeitvereinbarungen treffen“, erklärte sie. Tatsächlich frage sie sich, so Zurkuhlen, ob den Antragstellern aus den Reihen der Wirtschaft die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Risiken der geforderten Einschränkung bewusst seien.
Wörtlich sagte Zurkuhlen: „Mit der Forderung nach Einschränkung der Teilzeit wird ein Misstrauensklima gegenüber Teilzeitarbeit geschaffen. Das ist ein verheerendes Signal!“, betonte die KDA-Vorständin. „Wer pauschal Vorwürfe wie ‚Lifestyle-Teilzeit‘ erhebt, zeigt eine tiefe Respektlosigkeit gegenüber den Menschen, die in Teilzeit arbeiten“, so Zurkuhlen. Dabei bewerteten Wissenschaftler gerade die Arbeit in Teilzeit als hoch effektiv.
Mehr Wertschätzung für bürgerschaftliches Engagement
Man könne den Eindruck gewinnen, so Zurkuhlen weiter, „dass hier Menschen, die sich nebenberuflich wie auch immer engagieren, aus dem Arbeitsmarkt gedrängt werden sollen. Dabei brauchen wir dringend mehr soziales Engagement.“ Auch Eltern und Menschen, die privat eine Pflegeaufgabe übernehmen, wären weniger geschützt. „Wo sind die Ganztags-Kita-Plätze und wo die Tagespflege-Plätze?“, fragte sie.
„Es liegt der Gedanke nahe, dass zum einen bürgerschaftliches Engagement nicht wertgeschätzt wird und zum anderen offenbar vor allem Frauen wieder an den Herd verbannt werden sollen“, fuhr Zurkuhlen fort. Das sei ganz und gar nicht im Sinne der Wirtschaft – und auch nicht im Sinne der Gesellschaft.
Es droht Aus für eine sichere Patientenversorgung
Die KDA-Vorständin verwies in diesem Zusammenhang auf die Gesundheitsbranche, „eine starke Wirtschaftsbranche“, wie sie betonte: „Pfleger:innen und Ärzt:innen arbeiten in der Tat häufig in Teilzeit, unter anderem weil die Schichtarbeit zehrt.“ Der Wunsch nach Teilzeit seitens der Gesundheitsberufe werde kontinuierlich stärker.
„Da wir aber mehr und nicht weniger Fachpersonal benötigen, müssen wir hier innovativ denken und weitere Angebote schaffen. Wenn wir hier Teilzeitmöglichkeiten einschränken, komplementieren wir Fachpersonal raus und reduzieren zusätzlich Angebote für potenzielle Rückkehrer:innen, die es dringend braucht.“ Das, so Zurkuhlen, wäre das Aus für eine sichere Patientenversorgung und führe zur Schließung von Kliniken und Alteneinrichtungen.
Teilzeit-Angebote sichern Fachpersonal und helfen bei der Rekrutierung
Das gelte nicht nur für den Gesundheitsbereich, unterstrich Zurkuhlen. „Wir bekommen sehr positive Rückmeldungen etwa aus dem Landesprogramm Vereinbarkeit von Beruf & Pflege in Nordrhein-Westfalen, das im KDA koordiniert wird. Schon mehr als 600 Unternehmen und Organisationen aus allen Branchen haben die im Landesprogramm entwickelte Vereinbarkeitscharta unterschrieben.
Sie bieten betriebliche Vereinbarkeitslösungen für Mitarbeitende an, die privat eine Pflegeverantwortung ausüben. Diese Firmen bestätigen uns, dass sie unter anderem dank flexibler Teilzeitangebote Fachpersonal halten und neues Fachpersonal hinzugewinnen können.“
Digitalisierung und KI erfordern Neuorganisation der Arbeit und der Sozialsysteme
Auch mit Blick auf die Digitalisierung bräuchten Arbeitgeber und Arbeitnehmer künftig im Gegenteil sehr viel mehr Flexibilität bei der Gestaltung der Arbeitszeit. „Es ist bedauerlich, dass zugunsten populistischer, rückwärtsgewandter Nebelkerzen die wirklich drängenden, strukturellen Reformnotwendigkeiten nicht ernsthaft vorangebracht werden“, konstatierte Zurkuhlen.
„Da wären etwa die stetig steigenden Lohnnebenkosten oder die Neuausrichtung unseres gesamten Wirtschaftens auf die Bedürfnisse der Gesellschaft der Zukunft mit Blick auf Bildung, Digitalisierung, Umwelt, Klima, Alterung und geopolitische Veränderungen, die Neuorganisation von Arbeit, Technik und KI und damit verbunden unserer Sozialsysteme.“
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