1

Lehren aus Corona zeigen: Pflege muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gesehen werden und einen höheren Status erhalten

Das KDA fordert zum Tag der älteren Menschen ein Umdenken in der Pflege und veröffentlicht einen Beitrag dazu

Pressemitteilung zum Internationalen Tag der älteren Menschen am 1. Oktober 2021

Unter den Bedingungen der Pandemie haben Menschen, die in der Pflege arbeiten, vielfältige und oftmals sehr belastende Erfahrungen gemacht. Die Pandemielage hob wie ein Brennglas die Schwachstellen des deutschen Pflegesystems hervor. Manche Situation warf ethische Fragen auf, Grenzerfahrungen führten dazu, dass Beratungs- und Gesprächsangebote rege genutzt wurden. So wurden grundlegende Menschen- und Freiheitsrechte insbesondere alter Menschen in Einrichtungen infolge der Corona-Maßnahmen oft unverhältnismäßig eingeschränkt. Man denke an unberechtigte Quarantänemaßnahmen und an zum Teil bis heute geltenden Besuchsverbote und -einschränkungen. Die Sorgen um die Folgen solcher Maßnahmen etwa waren Thema in Gesprächen – zum Beispiel bei der Hotline der Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB).

Diese Erfahrungen und Gedanken, die Mitarbeitende in Pflegeberufen zum Ausdruck gebracht haben, wurden von den Wissenschaftlern Prof. Dr. Thomas Klie, Mitglied im Kuratorium Deutsche Altershilfe, Prof. Dr. Hartmut Remmers und Pflegeethiker Prof. Dr. Arne Manzeschke gebündelt und ausgewertet. Eine Analyse und Anstöße für Reformen wurden nun mit der Denkschrift „Corona und Pflege: lessons learned. Zur Lage der Pflege in einer gesundheitlichen und gesellschaftlichen Krisensituation“ vom Kuratorium Deutsche Altershilfe veröffentlicht.  „Die Analysen werden nicht jedem gefallen. Aber sie sind grundlegend und praxisnah. Sie legen offen: Wir müssen Pflege grundsätzlich neu denken. Pflege geht jeden an, sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, fasst Helmut Kneppe, Vorsitzender des KDA zusammen.

Prof. Dr. Thomas Klie fordert als Konsequenz aus den Erfahrungen: „Aus der Krise lernen, heißt für die anstehenden Reformen im Gesundheitswesen und der Langzeitpflege, dass der Pflege ein neuer Status zugestanden werden muss, ein Status, der die Pflege mit der Medizin gleichsetzt. Das ist aber nicht umsonst zu haben und erfordert deutliche Korrekturen in der Ausrichtung des deutschen Gesundheitssystems.“

Solle Pflege den künftigen Herausforderungen gewachsen sein, so bedürfe es zum Beispiel gezielterer Qualifikationen in den Pflegeberufen, beschreibt Prof. Dr. Thomas Klie einen wichtigen Schluss aus den Erfahrungen. „Diese Qualifikation muss auch eine stärkere berufliche Eigenständigkeit und eine soziologisch differenzierte und kritische Selbstaufklärung beinhalten.“

Eine weitere Lehre, die unter Corona noch einmal deutlicher wurde, sind die Konsequenzen der Marktorientierung im Gesundheitswesen. Prof. Dr. Klie: „Die Kolonialisierung von Bereichen lebensermöglichender und lebenserhaltener Sorgearbeit darf nicht den Systemimperativen der Vermarktlichung, Monetarisierung sowie einer Ökonomie der Zeit unterworfen werden.“

Die Schrift arbeitet heraus, welche Traditionslinien dabei helfen, die strukturelle Schwäche der Pflege in Deutschland zu erklären – bei aller unbestreitbaren hohen Leistungsfähigkeit. So wird auch deutlich, dass der Frauenberuf Pflege in der Haltung der Dienstbarkeit gefangen bleibt, eingebettet in eine institutionelle Subalternität. Der Text bleibt nicht bei Analysen, nicht bei einer „Anamnese“. Er mündet in Diagnosen und Konsequenzen, die Gesundheit und Pflege als Aufgabe der Daseinsvorsorge sehen. Konsequenz aus den Erfahrungen müsse neben einer beruflichen Emanzipation und Eigenständigkeit der Pflegeberufe auch sein, „dass die Dignität der Menschenrechte als eine sowohl pflegerische als auch gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden wird“, betont Prof. Dr. Thomas Klie abschließend noch einmal die Notwendigkeit eines grundsätzlich neuen Verankerns der Pflege im politischen und im allgemeinen Bewusstsein.

Der Beitrag „Corona und Pflege: lessons learned. Zur Lage der Pflege in einer gesundheitlichen und gesellschaftlichen Krisensituation“ ist in der Schriftenreihe des KDA „Pflegepolitik gesellschaftspolitisch radikal neu denken“erschienen.
Den Beitrag finden Sie hier:Corona und Pflege lessons learned

Weitere Informationen finden Sie hier: www.kda.de

Ansprechpartnerin für Fragen: Solveig Giesecke, +49 30 / 2218298 – 58, solveig.giesecke@kda.de

 

 

Weitere Veröffentlichungen in der Schriftenreihe „Pflegepolitik gesellschaftspolitisch radikal neu denken“ des KDA finden Sie hier:

  • Strukturreform PFLEGE und TEILHABE II – Pflegepolitik als Gesellschaftspolitik

Das Strategiepapier stellt die Bedingungen guten Lebens für auf Pflege angewiesene Menschen in den           Mittelpunkt und betont die Bedeutung der Kommunen: ‚Pflege geschieht vor Ort!‘ so das Autorenteam aus Prof. Dr. habil. Thomas Klie, Staatssekretär Michael Ranft und Diplom-Volkswirtin Nadine-Michèle Szepan. Die Autorin und die Autoren legen ein umfassendes und differenziertes Strategiepapier zum aktuellen pflegepolitischen Reformdiskurs vor.

Langfassung:
Strukturreform PFLEGE und TEILHABE II – Pflegepolitik als Gesellschaftspolitik – Lang

Kurzfassung:
Strukturreform PFLEGE und TEILHABE II – Pflegepolitik als Gesellschaftspolitik – Kurz

  • Pflegepolitik gesellschaftspolitisch radikal neu denken – Gestaltfragen einer Reform des SGB XI

Prof. Frank Schulz-Nieswandt: Pflegepolitik gesellschaftspolitisch radikal neu denken – Gestaltfragen einer Reform des SGB, Januar 2020:
Pflegepolitik gesellschaftspolitisch radikal neu denken – Gestaltfragen einer Reform des SGB XI

  • Strukturreform PFLEGE und TEILHABE

 „Strukturreform PFLEGE und TEILHABE“ von Rolf Hoberg, Thomas Klie und Gerd KünzeI aus dem Jahr 2013: 
Strukturreform PFLEGE und TEILHABE